Nacht des WÜLFES

In seiner Kindheit fehlte es ihm nicht an dunklen Märchen, geheimnisvollen Legenden und unheimlichen Aberglauben. Die gnadenlosen Erinnerungen an das Mittelalter waren im 20. Jahrhundert in der Tiefe der bayerischen Wälder noch immer lebendig. Auch über Wülf hörte er erstmals in seiner Kindheit, aber das vergaß er schnell, da er zwei Jahrzehnten draußen in der Welt, als wahrhafter Anhänger der sonnigen Aufklärung verbrachte. Als er nach dem Tod seines Ziehvaters nach Hause kehrte, um das Wirtshaus neben Maxhütte zu übernehmen, brachte er die Gedanken der Aufklärung mit sich, und auch seine philosophische Schule stützte sich auf diese Basis. Sie flüsterten abends neben dem Feuer nicht über verlorengegangene Kinder und Höhlengnome, sondern nur über ontologische und existenzielle Fragen. So war Frederick überhaupt nicht vorbereitet darauf, was er in dieser fatalen Nacht erleben musste.

An einem Novembertag fuhr Frederick zu seinem tschechischen Bierbrauer-Freund, zu Frantisek nach Böhmen, um an einem Familienfest teilzunehmen und die Biervorräte aufzufüllen. Während des Festmahls schenkte Frantisek schwarzes Bier in Fredericks Krug ein, für den dieses leichte Getränk nach Toast schmeckte. So ließ er seinen Wagen neben den üblichen fünf Fässern mit hellem Bier, auch mit ein paar Fässern schwarzem Bier beladen. Das Mittagessen dauerte lang und die Trinksprüche schienen endlos zu sein. Frederick wollte aber die Nacht zu Hause verbringen. So, trotz der späten Stunde und des abnehmenden Sonnenlicht – ein wenig berauscht – sprang er in seinen Wagen und machte sich auf den Heimweg. Der übliche Weg ging um den dichten Wald herum und schlängelte sich durch die Tälern, zwischen den Dörfern, durch den Hain vorbei. Dieser Weg hätte stundenlang gedauert, und Frederick musste sich beeilen, wenn er nicht im Wagen übernachten wollte. Deshalb bat er den Fahrer, den Wald zu durchqueren, wo es einen Feldweg gab. Die Fahrt war ziemlich holprig, aber so kam er schnell nach Hause. Der Fahrer diskutierte heftig mit dem Philosophen, aber Frederick studierte nicht vergebens Philosophie an der Universität, er entkräftete die Argumente des ungebildeten Fahrers schnell und so verschwand der mit Bierfässern beladene Wagen in einem Augenblick in der Dämmerung.

Frederick lehnte sich an ein Fass und döste im holpernden Wagen schnell ein. Es war schon stockfinster, als ein böser Ruck ihn aufweckte. Als er in die Dunkelheit blickte, bemerkte er zwei leuchtende Augen, die still dem qualvoll wackelnden Wagen hinterherliefen. Dann wurde der Wald weiß, der Vollmond versteckte sich hinter den Wolken und irgendwo in der Ferne jaulte ein Wolf schmerzhaft. Gleich hinter dem Wagen erschallte ein trockenes Gebrüll als Antwort. Der Fahrer blickte zurück und machte große Augen. – DER WÜLF! – schrie er und setzte sich in Marsch.

Der Wülf! Seine Kindheitserinnerungen sind wach geworden. Es überraschte ihn auch, er wusste aber sofort, was der Wülf ist. Der Wülf war ein heidnischer König vor dem Christentum, der diese Gegend beherrschte. Laut dem Volksglauben war er durch seine endlosen und gnadenlosen Festessen berühmt geworden, in seinem Hof flossen Blut und Bier wochenlang. Sein Haushalt zog wie ein Heuschreckenschwarm durch das arme Land und nahm alles Essbare und Trinkbare zu seinem gierigen König mit nach Hause. Nur solange, bis sie in der Mitte des tiefen Waldes das Haus der Hexe Grimhild fanden und sie erbarmungslos ausbeuteten. Grimhild war aber eine Hexe großer Macht und in ihrer Wut verfluchte sie das ganze Volk von Wülf, das am nächsten Tag als Wölfe aufwachte, die immer hungrig und durstig waren und mit leuchtenden Augen im großen Wald herumgingen, und wenn sie nichts zum essen fanden, fraßen sie sich einander auf. Das Volk von Wülf streicht seit 30 Generationen durch die Gegend, aber der alte Ahren Hekkelberg glaubte nie an sie, weil er sie nie sah. Natürlich glaubte Frederick auch nicht an sie, jetzt liefen sie ihm aber doch fauchend und knurrend hinterher, mit dämonischem rot leuchtendem Hunger in den Augen. Als der erste verfluchte Wolf auf das Fass sprang, wurde er ihn mit einem wohlgezielten Tritt los, aber dann kam ein anderer. Der erschrockene Fahrer schrie zurück – Sie kommen für das Bier! – Der Philosoph hatte die Situation sofort durchschaut: Die Säufer-Köter vom König Wülf wollten ihn nicht töten, sondern nur sein Bier trinken. Er schnappte sich ein Fass, hob es auf und schlug es gegen einen Bolzen an der Seite des Wagens, wodurch das leichte Holzfass sofort zerbrach und das Bier rausspritzte. Frederick stellte sich ans Ende des Wagens und goss das schwarze Bier auf die Wölfe, die dankbar schleckten und auch ihre Wut verminderte sich. Drei Fässer Bier waren weg, bis sich der Wülf beruhigte und der letzte besoffene Wolf zurück in den Wald taumelte. Frederick fiel ermüdet auf das übriggebliebene Fass nieder, aber er konnte mit dem Lachen nicht aufhören und schrie spottend nach den Wölfen: – Wie schmeckte das schwarze, König Wülf?